Alltagsrassismus: Eine kleine Geschichte

Alltagsrassismus: Eine kleine Geschichte

Er ist nicht dumm – er spricht nur schlecht Deutsch!

Rassismus ist nicht mein Problem

Rassismus ist kein Phänomen, kein Thema, das über Nacht verschwindet. Das liegt vielleicht auch daran, dass Rassismus nicht über Nacht in unser Leben gekommen ist. Als Ergebnis einer Jahrhunderte alten Kolonialgeschichte der westlichen Welt, haben sich Ansichten und Stereotypen – häufig rassistischer Natur – nicht nur in Geschichtsbüchern manifestiert, sondern auch im Denken vieler Menschen. Wie weitreichend das Problem ist, wird häufig nicht thematisiert. Einerseits aus Bequemlichkeit, andererseits auch aus Angst davor, sich selbst reflektieren zu müssen.

Wenn wir über Rassismus reden, ihn thematisieren, versuchen, ihn aufzuarbeiten, beschränken wir uns immer wieder beinahe dogmatisch auf die offensichtlichsten Auswüchse rassistischen Denkens. Beleidigungen, Aufhetzungen, Verleumdungen – Gewalt. Natürlich muss das thematisiert und bekämpft werden – gleichwohl bleibt es mit dieser Art und Weise des Herangehens nur bei einem Herumdoktern an Symptomen. Eine Therapie sieht anders aus.

Rassismus ist Kultur- und Konsumgut

„Was? Wieso? Man darf doch ohnehin schon nichts mehr sagen!“ schwingt es einigen Personen da gleich durch den Kopf. Gleichwohl möchte ich meinen Kopf bei solchen Aussagen am liebsten direkt auf die Tatstatur knallen, die Tischplatte oder sonst-wo-gegen. Warum?

Zu kritisieren, dass man bestimmte Begriffe einfach nicht verwenden sollte, unterstellt ein Recht darauf, Menschen in rassistischer Art und Weise zu titulieren. Mit welchem Recht? Kann es sein, dass hier jahrzehntelange Indoktrination verkrusteter Weltbilder ihre Früchte erntet? Immerhin gibt es da zahlreiche Begrifflichkeiten – die ich selbstredend nicht reproduzieren werde – die ihre Existenz im Sprachgebrauch ausschließlich der Tatsache verdanken, dass sich West-Europäer schon früh anderen Menschen überlegen gefühlt, ihnen gar die Menschlichkeit abgesprochen haben. Ob in alten Kindermärchen oder im Süßwarenregal dreht sich alles immer wieder darum, durch Stereotypen bestimmte Eigenschaften zu symbolisieren.

Wenn wir schon dabei sind: Vor vielen Jahren war ein Comedy-Auftritt in aller Munde, der feststellen sollten, dass man sich in Afrika ja auch die Bäuche mit Hamburgern und Frankfurtern und Berlinern vollstopfen würde und man daher ruhig „M****kopf“ oder „N****kuss“ sagen solle. Was seiner „okay“ war, weil auch Stereotype über Homosexuelle für alle Formen der „Komödie“ herhalten mussten, ist in vielerlei Hinsicht völlig absurd und verklärt die Geschichte.

Bildquelle: https://www.geckoandfly.com/22956/racism-quotes/

Kurzer Hintergrund: Wenn wir von Frankfurtern und Berlinern sprechen, meinetwegen auch Krakauern, liegt offensichtlich ein regionaler Bezug zugrunde. Sprechen wir hingegen von „M*****köpfen“ oder „N****küssen“, wird eindeutig auf eine rassenbezogene und/ oder ethnische Zugehörigkeit verwiesen, die im Wording dem Kolonialismus zuzuschreiben ist und während der NS-Zeit ihr zweites Hoch erlebt haben. Mit bekanntem Ergebnis. Hier versuchen sich Menschen also Rassismus schönzureden, weil sie ihn von klein auf gelernt haben und richtig finden. – Willkommen im Alltagsrassismus.

Alltagsrassismus ist vielschichtig

Um über Alltagsrassismus oder Rassismus im Alltag, im täglichen Tun und Nichtstun, zu sprechen, ist es erforderlich, einmal mit offenen Augen durch den Tag zu gehen. Wenn wir das eine Woche lang tun, finden sich ausreichend Beispiele hierfür. Oft sogar „gut gemeinte“ Formen – dennoch falsch, rassistisch und kontraproduktiv.

Dabei möchte ich jetzt auch gar nicht auf die Vielzahl sexueller oder kriminalisierender Vorurteile (genau darauf beruht Rassismus) eingehen. Es geht um viel alltäglichere Dinge. Ein Beispiel, das einem die geballte toxische Wirkung von Alltagsrassismus auf die Füße schmeißt – bei einem Elternabend normalen:

Ich möchte den Vorgang gerne in Phasen aufteilen, um ihn verständlicher zu machen.

Eine Familie, die der deutschen Sprache nicht vollends mächtig war, war neben vielen anderen Familien beim ersten Eltern-Infoabend im Rahmen der Einschulung der Erstklässler. Ein Infoabend in einem Klassenraum – 25 fremde Menschen, alle maskiert und schweigend – die meiste Zeit zustimmend nickend.

Phase 1: Willkommenskultur

Die Familie – der Einfachheit halber folgend „Familie B.“ genannt, um die es hier geht, kam ziemlich zum Schluss. Bereits das Finden eines Sitzplatzes verlangte von beiden viel ab – sie suchten offensichtlich einen Platz in der Nähe von Menschen, die nicht mit einem „Ah, solche Leute also auch noch“-Blick die Angekommenen zur Kenntnis nahmen. Immerhin trug die Mutter ein Kopftuch. Das reichte einigen offensichtlich schon für einen abfälligen Blick auf die beiden. Irgendwann waren alle vollständig und der Vortrag der Klassenlehrerin begann.

Phase 2: Soziale und sprachliche Kompetenz

Das Pärchen tat sich sichtlich schwer darin, den Ausführungen der Klassenlehrerin zu folgen, tat aber sein Bestes und war letztlich doch in der Lage die notwendigen Formulare auszufüllen, die natürlich nur in deutscher Sprache auslagen. Dass die Lehrerin einen starken Dialekt hatte, machte es den beiden augenscheinlich nicht einfacher.

Als zweite Übung ging es für alle darum, für die einzuschulenden Kinder ein Platzkärtchen zu bemalen – mit bestimmten Tierchen. Die Lehrerin merkte, dass Familie B. mit den Ausführungen strauchelte. Der erste Gedanke der Lehrerin: „Die wissen nicht, wie eine Biene aussieht.“ Tatsächlich, anstatt es einmal auf English zu versuchen oder in langsamer, deutlicher, hochdeutscher Sprache, fing das Dilemma an. Die Lehrerin packte die reinste Form von „Babysprache“ aus und zählte dabei mit den Fingern vor, wie viele Beine eine Biene hätte – und Flügel natürlich. – Ernsthaft? Ja. Das kann einen so perplex zurück lassen, dass einem währenddessen die Worte fehlen.

Das größte Problem daran ist meines Erachtens vor allem, dass es die Lehrerin nur gut meinte und in bester Absicht gehandelt hat. Einen Vorwurf möchte ich damit also nicht direkt an die Lehrerin richten. Vielmehr an ein System, das Rassismus nach wie vor derart toleriert und einfordert, dass er gar nicht wahrgenommen wird – weil Rassismus zu Europa gehört, wie das Amen zur Kirche.

Phase 3: Resümee – was würde das mit dir machen?

Um diesen Abend zu analysieren, fangen wir vorne an. Dass das Resümee länger ausfällt, als die „Geschichte“ ist übrigens kein stilistischer Fehler, sondern bezeichnend für Vorgänge rund um Alltagsrassismus und Rassismus allgemein. Kleine Situationen haben massive Auswirkungen.

Eins nach dem anderen also:

Wenn du einen Raum betrittst, und die die Mehrzahl der Anwesenden mit Blicken das Gefühl gibt, dass du hier falsch bist, wirst du dich nicht öffnen und auch nicht unbedingt proaktiv das Gespräch mit den Menschen suchen – vor allem dann nicht, wenn du Probleme mit der Sprache hast.

Als Ergebnis setzt du dich sonst wohin. In der Hoffnung, dass du möglichst unbemerkt bleibst. Du sprichst mit niemandem, obwohl du vielleicht gerne würdest. Irgendwie musst du ja hier falsch sein – zwischen diesen Menschen. Vielleicht siehst du ein paar wenige Personen, die dich nicht abfällig anschauen – oder den Blick nicht abwenden. Dahin setzt du dich, vergisst aber trotzdem nicht alle außen rum. Sollte jemand anwesend sein, der in der gleichen Situation steckt wie du, wirst du dich wahrscheinlich dieser Person anschließen – und eine eigene Gruppe in der Gruppe bilden.

Als wäre das nicht bereits anstrengend genug, verpasst ein ganzes System die Gegenwart und hält Formulare nur auf Deutsch vor – nicht einmal Englisch. Okay, das ist so ein normales Ding in Deutschland. Eine Insel mitten in der Welt. Das macht es dir nicht leichter, du beißt dich aber durch – am Ende erfolgreich.

Beim anschließenden Vortrag verstehst du allerdings die Welt nicht mehr. Du hast dieses eine Wort nicht verstanden. Irgendwie, weil die Person ziemlich schnell und mit einem Dialekt gesprochen hat und irgendwie auch, weil das ziemlich viele Wörter in einem Zusammenhang waren, die du für gewöhnlich nicht brauchtest. Du fragst nach – und man redet mit dir, als seist du 4 Jahre alt und hättest noch nie eine Biene gesehen. Quasi wie ein vierjähriger Marsianer auf Sommerurlaub. Du nimmst das hin, bist nämlich froh, dass du deinem Kind die Biene auf das Blatt malen kannst, denn das Kind soll genauso ein Namensschild haben, wie alle anderen auch. Es soll dazu gehören dürfen.

Wahrscheinlich ärgerst du dich die ganze Zeit dabei und murmelst in dich hinein: „Ich weiß auch, wie viele Beine so ein Tier hat. Und bis sechs zählen brauchst du mir nicht mit den Fingern zu zeigen. Und wenn du mich schon für dumm hältst, dann sprich doch wenigstens einfach wie mit einem erwachsenen mit mir.“

Da du es ja nicht anders kennst, bekommst du unweigerlich das Gefühl, dass du irgendwie nicht so sehr auf der Höhe der anderen sein kannst. Du vergräbst dein Selbstvertrauen unter Selbstzweifeln – und gibst dich besser mit „deinesgleichen“ ab, damit du diese Erfahrungen nicht öfter machst.

Unbequeme Fragen stellen

Beobachtet man ein solches Verhalten, wird man sich gelegentlich erst im Nachhinein darüber bewusst, was da genau passiert ist. Wird man dem Gewahr, tut man gut daran, sich zu fragen, woher das alles rührt. Schnell kommt man dann wieder dem Selbstverständnis an, das wir uns bereits ab der Schulzeit mit auf den Weg gegeben bekommen. Ganz gleich, ob von Menschen aus dem direkten Umfeld, Medien oder den Schulbüchern. Wobei gerade letztere – ich vermute unbeabsichtigt – hier eine klare unterschwellige Botschaft vermitteln.

Der Geschichtsunterricht besteht zu häufig aus einer höchst eurozentrierten Weltsicht, nach der Europäer:innen erst Zivilisation und Menschlichkeit in die Welt gebracht hätten. Kultur soundso. Dass die Verbreitung der europäischen Weltsicht und technischen Errungenschaften maßgeblich auf Kolonialismus, den ein oder anderen Genozid, Versklavung ganzer Völker und einer guten Portion Antisemitismus einherging, wird da oft ausgeblendet. Da feiern wir in Geschichtsbüchern die Entdeckung Amerikas – die Ausrottung der indigenen Bevölkerung wird da höchstens in Neben-Kapiteln genannt. Wirklich behandelt und aufgearbeitet wird sie nicht.

Vorkoloniales Schwarzes Leben findet gleichzeitig in hiesigen Geschichtsbüchern faktisch nicht statt. Glaubt man dem Duktus des Unterrichtsmaterials, sind die Menschen in den anderen Teilen der Welt erst zur Stufe des zivilisierten Menschen emporgetreten, als der Europäer mit Missionaren und Armeen und Handelsflotten auf den Plan trat. Die mittlerweile verdrängten, teils ausgerotteten Kulturen werden hier und dort romantisierend auf bestimmte Stereotypen reduziert. So suggeriert das übliche Geschichtsbuch noch heute, dass die indigene Bevölkerung Amerikas stets mit Federkrone geschmückt durch die Prärie galoppierte – genauso, wie wir lernen, dass Inka und Maya große Tempel bauten und Menschenopfer erbrachten. Wenn es gut läuft, wird hier und dort beiläufig erwähnt, wie groß die entsprechenden Reiche waren und dass sie „den Europäern“ unterlegen waren. Die Bücher lehren uns damit regelmäßig die Überlegenheit und Alternativlosigkeit unseres Kulturkreises.

Mit der Entdeckung neuer Kontinente und Ländereien entdeckte Europa auch die Idee davon, dass man selbst irgendwie „besser“ sein müsse. Kaum ein heute geachteter historischer Name, der sich seinerzeit nicht diversen Rassentheorien verschrieben gehabt hätte.

Die Entwicklungen der Kolonialzeit boten einen perfekten ideologischen Nährboden für sämtliche entmenschlichenden Gedankengänge und Handlungen, die bis heute vielerorts das Geschehen bestimmen. So stellte der allseits zitierte Immanuel Kant fest:

„Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen. Die Gelben haben schon ein geringeres Talent. Die N**** sind weit tiefer. Und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.“

Immanuel Kant, Vorlesung zur „physischen Geografie“

Bildung gegen Rassismus!

Da sich der oben beschriebene Vorfall in einer alltäglichen Situation in einer ganz normalen Schule ereignet hat, stellt sich zurecht die Frage, inwiefern hier mehr Bildung helfen könnte. Dabei ist keine Themen lediglich anschneidende Aufklärung gemeint und auch kein gebetsmühlenartiges Appellieren an Vernunft und Menschlichkeit. Es bedarf viel mehr einem neuen Selbstverständnis und einer substantiellen Aufklärung über die Zusammenhänge rund um Rassismus.

So sehr der deutsche Staat und die Mehrheitsgesellschaft Rassismus auch kleinredet und nicht wahrhaben will (es kann nicht sein, was nicht sein darf), so sehr bemühen sich zahlreiche Schreibende um umfangreiche Informationen für alle. Beispielhaft hier meines Erachtens der Titel „Alltagsrassismus“ von Wolfgang Benz. Die hessische Landeszentrale für politische Bildung stellt den Titel zudem kostenlos zur Verfügung und gibt allen somit eine hervorragende Möglichkeit, ein erstes Gespür dafür zu erlangen, wie schwerwiegend und viral, vor allem aber allgegenwärtig Rassismus als unser täglicher Begleiter ist.

Wenn schon das Bildungssystem aufgrund seiner unflexiblen und sich selbst belügenden, sich auf dem gestern ausruhenden Art und Weise hier bei der ganzheitlichen Aufklärung versagt, so sind wir im Einzelnen gefordert, das Thema immer wieder auf den Tisch zu bringen.

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