Benzinpreise und ein Islamophobes Paradox

Benzinpreise und ein Islamophobes Paradox

Paradox. Sogenannte „Islamkritiker“ propagieren fortwährend den Niedergang des Abendlandes durch immer mächtiger werdende Einflüsse aus der arabischen Welt. Gleichzeitig führen die gleichen Leute jede erdenkliche Kampagne, gegen alles, was die Abhängigkeit von Erdöl reduzieren könnte. Hetzkampagnen gegen Elektro- und andere Antriebstechniken sind da nur die Spitze des Eisbergs.

Was daran paradox ist?

Die Wirtschaft vieler arabischer Staaten basiert – neben dem Tourismus – vor allem auf Erdöl-Exporten. Somit bestimmen Saudi Arabien und andere OPEC-Staaten neben der weltweiten Nachfrage direkt, wie und wohin sich der Rohöl- und damit auch der Benzinpreis entwickelt.

Wir sollten hier nicht vergessen, dass die OPEC selbst nicht unendlich viel Erdöl in einer beliebig kurzfristigen Zeitspanne fördern kann. Das wäre aber nötig, um z. B. den stets wachsenden Bedarf und damit Verbrauch in Ländern boomender Industrien aufzufangen.

China und Indien zum Beispiel verbrauchen Unmengen an Erdöl – gleichwohl in nicht unerheblichem Maße, um für uns hier in Deutschland möglichst billige Konsumgüter zu produzieren. Beim Thema Spritpreise darf das aber folglich ebensowenig außerachtgelassen werden. Dass die Minilöhne und Umweltsünden im Zeichen unseres Wohlstandes hier kaum Beachtung finden, ist zudem ein weiteres Thema.

Rechtspopulismus in Reinform

Die übliche rechtspopulistische Agitation trennt hier gerne direkte Zusammenhänge völlig voneinander ab, um nur Aspekte anzubieten, die ihre kruden Thesen beweisen.

  • Muslime würden uns zerstören wollen.
  • Den Sprit würden Grüne und Ökosozialisten verteuern, um „einfache Leute“ niederzumachen.
  • Der ÖRR sei Handlanger der vorgenannten

Mit dem dogmatischen Festhalten am Verbrennungsmotor und der sonstigen Verherrlichung der Verbrennung fossiler Brennstoffe halten und fördern Neoliberale die Machtmonopole, die die Strukturen begünstigen, die von rechts wiederum so gerne kritisiert werden. Wäre man ganz rechts also ehrlich zu sich selbst, würden sie darauf hinwirken, möglichst gestern völlig unabhängig von Erdöl zu werden und somit den Einfluss fragwürdiger Regime zu minimieren. Aber Fehlanzeige. Das Gegenteil wird verfolgt. Immerhin wäre es kontraproduktiv für Rechte, wenn sie durch einen Kurs in die Zukunft plötzlich reaktionäre Strömungen zerschlagen und sich damit die „Existenzberechtigung“ nehmen würden.

Diesel und Benziner müssen erhalten bleiben!

So titelte das AfD Kompakt z. B. im März 2021.

Es sind nicht nur Rechtsextreme wie von der AfD sondern auch am Stammtisch gern gesehene Rechtsradikale und christliche Fundamentalisten aus dem Unionslager, die sich immer wieder sowo an der Erhaltung von Verbrenner reiben, wie auch daran, Menschen islamischen Glaubens, oder die, die danach aussehen, als Ausgeburt des Bösen zu framen.

Vor allem dadurch, dass Corona nicht mehr das Hauptproblem ist, sondern abstrakte Folgen der Pandemie zum Tragen kommen, werden plumpe rassistische Kampagnen der organisierten Neurechten und Rechten Aufwind erleben.

Alles im Sinne der Mehrheitsgesellschaft?

Wohl kaum. Denn gleichzeitig sind Ultra-Rechte und ihre dem Anschein der Seriösität verpflichteten Artverwandten Konservativen vor allem eines: Leidenschaftliche Kapitalisten, die in allem möglichst hohe Renditen und Vermehrungspotenzial für die eigenen Vorteile suchen. Diese Vorteile erhalten Sie nur durch Heroisierung und Hofierung von Konzernen und rückwärtsgewandten Strukturen, die nicht die Verbesserung der Situation von Menschen im Sinn haben – also nicht eine gerechte Verteilung anstreben und ein Reduzierung von unterdrückerischen Methoden im Stile von Kolonialisten. Damit zählt also vor allem nicht das, was „der kleine Mann“ will und braucht. Leider missinterpretieren Empfänger:innen ebendieser Botschaften das Gebahren Rechter – historisch gesehen ein wiederkehrendes Muster. (Warum Kapitalismus nicht sozial sein kann, habe ich kürzlich hier beschrieben.)

Faschismus durch die Hintertür?

Ein Hintertürchen halten sich oben beschriebene Agitatoren und „Think Tanks“ gerne offen. Durch Lügenkonstrukte, platzieren von Strohmännern und Stimmungsmache gegen die, die ihren Reichtum direkt begünstigen, halten sie sich dabei freilich alle Türen offen, spätestens im nächsten Wahlkampf Früchte von großangelegten Diffamierungskampagnen zu ernten. Populistische Argumentationen, massiv destruktive Verallgemeinerungen und Verkürzungen sind mittlerweile Alltag.

„Die Mitte“ muss endlich Verantwortung übernehmen

Blicke auf AfD-Plakate und Meme sowie auf die rechtsradikale Bild-Zeitung, liefern hierfür täglich ausreichend Belege, aber auch der gesamte Bundestagswahlkampf der Union. Auch „liberale“ Marktradikale der FDP haben sich bisweilen immer wieder gerne Stereotypen und bewusster Unwahrheiten bedient, um ihre Ziele, soziale Gerechtigkeit zu verhindern.

Das konnte hier nicht unerwähnt bleiben, denn durch die monatelange Rechtsaußen-Agitation von AfD bis Union, Angstmacherei durch Medien wie Bild und Welt und die Positionslosigkeit der FDP, wurde die gesamte Gesprächskultur massiv in die rechte Schiene hinein normalisiert – und damit der zentralen Zielsetzung der AfD eine Steilvorlage gegeben.

Gesprächskultur tiefbraun und anti-sozial

Der gesellschaftliche Konsens geht mehr und mehr zulasten einer ganzheitlichen Betrachtung der Umstände unter denen wir leben und konsumieren. Es ist der neue gute Ton geworden, komplexe Themen in populistisch ausschlachtbare Einzelhappen zu zerteilen, die jeder für sich nur noch dem Framing einzelner Beteiligter dienen. Letztendlich leben Konservatismus und Rechtspopulismus davon, die Mehrheitsgesellschaft als Opfer der Welt darzustellen. Ob es nun im AfD-Duktus Moslems oder Benzinpreis-Treiber in Berlin oder die Lügenpresse sind oder nach dem Sprech der Unionsparteien, böse Linke und Grüne, spielt dabei kaum eine Rolle.

Die Zeche zahlen einmal mehr Menschen, die weder die Situation zu verantworten haben noch bereinigen können – am Ende des Tages haben sie häufig nicht einmal ein Sprachrohr im Sinne von Wahlen, denn viele Millionen Menschen in Deutschland werden noch immer systematisch beispielsweise von den Bundestagswahlen ausgeschlossen.

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