Alltagsrassismus im Aufwind

„Wer hierher kommt, der muss sich integrieren!“ – spätestens nach den Taten von Würzburg gefühlt einer der häufigsten Kommentare auf Facebook, beim Blick in die Kommentarspalten zu Posts rund um die Morde von Würzburg. Was ist daran gefährlich?

Diese „Erkenntnis“ wird vornehmlich von Menschen hinaus posaunt, die sich gerne als verständnisvolle und weltoffene Konservative geben, gleichwohl aber hochgradig fremdenfeindlich sind, es aber oft nicht wahrhaben wollen. Wer in unser Land kommt, der habe sich gefälligst zu integrieren. Ich bin der Überzeugung, genau deswegen ‚funktioniert‘ Integration in Deutschland nicht. Nicht gestern, nicht heute, wohl auch nicht morgen.

Arroganz von Assimilatoren

Es ist die Arroganz von Menschen, die meinen, sie wären etwas ganz Besonderes, etwas Besseres als Andere, nur weil sie ihr Handtuch vor den anderen auf die Strandliege geschmissen haben.

Sie verwechseln Integration mit Assimilation. Sie unterstellen, dass Geflüchtete dazu verpflichtet sind, die deutschesten aller Deutschen zu werden. Bloß keinen Fehltritt, bloß kein Problem haben und überhaupt, einfach direkt so zu funktionieren, wie es sich für Deutsche gehört. Das ist, wie für viele sog. Bürgerliche Geflüchtete zu funktionieren haben. Und nicht anders.

Ja, die Vorfälle sind grauenvoll. Darüber gibt es gar keine Diskussion. Wie sich die Hinterbliebenen fühlen müssen, kann ich mir nicht ausmalen. Auch nicht wie sich die fühlen, die verletzt überlebt haben. Oder schockiete Passant:innen.

Und dennoch müssen sich alle, die jetzt so vehement darauf drängen, dass massiv mehr Integrationswillen abverlangt werden solle, diese Frage hinsichtlich ihres vorgeschobenen „Arguments“ zur Integration gefallen lassen: Verüben nur Geflüchtete Morde? Oder kann es sein, dass das weniger mit Integration zu hat, als mehr damit, wie ein Mensch sozialisiert wurde?

Keine Rechtfertigung, aber Gründe

Natürlich wird diese Tat medial hochgekocht. Natürlich fühlen sich gute deutsche Spießbürger dadurch getriggert. Natürlich kommen da alle Arten von Rassist:innen um die Ecke und von Menschen die denken „das wird man doch wohl noch sagen dürfen“.

Eine Rechtfertigung gibt es für die Tat nicht. Wie auch? Gleichwohl aber Gründe. Gründe vor allem, die nicht belegen, dass jemand per se seiner Herkunft wegen Attentäter oder Amokläufer wird. Womit es auch nicht an verfehlter Integration liegt.

Fakt ist, dass es sich um einen Menschen handelt, der unter sozialer Abgrenzung und eklatanten Armut in einem der reichsten Länder der Welt wiedergefunden hat. Um jemanden, der augenscheinlich im Obdachlosenheim festsaß und sich nach Aussagen eines Arztes freiwillig in Behandlung befunden haben soll. Das ist für einen traumatisierten Menschen, der vom System im Obdachlosenheim abgeladen wird, nicht selbstverständlich. Niemand außer ihm wird letztendlich sagen können, warum er tat, was er tat.

Endstation Deutschland?

Ganz unabhängig von den Vorfällen von Würzburg kann ich mit Gewissheit sagen, dass es Menschen wie sie sind, die (Mal mehr, Mal weniger bewusst) dafür sorgen, dass es Zugezogene und Geflüchtete extrem schwer haben, in dieser Gesellschaft anzukommen, Fuß zu fassen und zwanglos zu leben. Denn die selbstherrliche Integrationspolizei sprüht nur so vor Ablehnung denen gegenüber, die Hilfe und Zuflucht suchen hier ankommen. Diese Deutschen strotzen nur so vor Selbstherrlichkeit in Bezug auf die eigene Existenz und in Bezug darauf, dass man es diesen Spießbürgern niemals recht machen können wird.

Alternative zu Integration? Eine Bitte!

Ermöglicht Menschen Teilheibe! Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, am Miteinander, an soziokultureller Interaktion. Unterschwelliges Ausgrenzen spüren Menschen sehr schnell. Immerhin sind sie allzu oft traumatisiert und extrem verunsichert. Integration greift nicht dort, wo es wichtig ist. Teilhabe ist der Schlüssel. Täglich Teil haben am Leben und nicht täglich um Anerkennung kämpfen müssen. Vor allem, Teil sein dürfen und nicht müssen.

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