Ein LongCovid Erfahrungsbericht
von Gastautorin Sabine aus Eltville

Covid-19, Longcovid - ein echter Lockdown hätte vieles ersparen können.
It’s Lockdown – But don’t lock down your heart.

Zur Vorgeschichte

Als meinen Mann und mich im Januar trotz aller Vorsicht die Infektion mit dem Corona-Virus erwischt hatte, gingen mir zwiegespaltene Gedanken durch den Kopf: Zum einen hatte ich gehofft, dass wir es schaffen würden, davon verschont zu bleiben. Dann war da Resignation, weil ein Teil von mir angesichts der stetig steigenden Infektionszahlen ja insgeheim befürchtet hat, dass es unabwendbar sein würde, obwohl wir seit Beginn der Pandemie so gut wie alle Kontakte runtergefahren und die Schutzmaßnahmen sehr ernst genommen haben.

Allerdings konnte mein Mann als Handwerkshelfer bei der Arbeit zwangsläufig nicht immer Abstand zu seinen Kollegen halten.

Weil mein Mann zuerst Symptome hatte, ist die Ansteckung bei einem seiner Kollegen am wahrscheinlichsten, der es evtl. symptomlos übertragen hat. Genau zurückverfolgen lässt es sich zwar nicht, aber die Frau einer seiner Kollegen hatte zu dieser Zeit – nach der Rückkehr aus dem Weihnachtsurlaub – eine “Erkältung” …

Schuldzuweisungen bringen in so einem Fall natürlich keinem was, auch wenn ein bisschen mehr Verantwortungsbewusstsein sicher generell vielen vieles erspart hätte. Die laschen Corona-Schutzmaßnahmen der Politik taten ihr Übriges und signalisierten wohl an einige, dass die Gefahr ja nicht so groß sei. Rufe, auch seitens der Medizin, nach einem echten Lockdown verhallten fatalerweise ungehört.

Der akute Longcovid-Krankheitsverlauf

Auf den ersten Blick waren wir scheinbar noch gut weggekommen. Zwar war der Verlauf alles andere als mild, aber im Gegensatz zu manch anderen unser Mittvierziger*innen-Altersgruppe konnten wir die Krankheit “auf dem Sofa” durchmachen anstatt auf der Intensivstation.

Symptome

Die Symptome waren heftigst grippe- und erkältungsmäßig, hinzu kam halt der typische Geschmacks- und Geruchsverlust, aber vor allem ein unangenehmes Druck- und Kloßgefühl im Lungenbereich und Phasen mit starker Kurzatmigkeit. Das war bei mir ausgeprägter als bei meinem Mann, dafür hatte er richtig Fieber und war teilweise komplett ausgeknockt, während ich „nur“ erhöhte Temperatur hatte. Mein Mann erholte sich schneller (nach zwei Wochen) und augenscheinlich bisher ohne Longcovid – während bei mir ein hartnäckiger trockener Reizhusten einsetzte, der bis in die Lunge hinein schmerzte.

Wenn aus Covid Longcovid wird

Mein Husten wurde dann chronisch. Er schwächte sich zwar ab, aber verschwand auch nach drei Monaten nicht. Die Kurzatmigkeit wurde phasenweise stärker, und zwar nicht nur bei Anstrengung. Außerdem bescherte mir ein fieser “Brainfog” zeitweise nervige Konzentrationsstörungen.

In der Anfangsphase dieses “Gehirnnebels” – etwa drei Wochen nach der Infektion – verwechselte ich sogar manchmal banalste Wörter. Denkprobleme, u. a. mit dem Kurzzeitgedächtnis, habe ich aber bis heute. Was mir meine Arbeit als Selfpublishing-Romanautorin schwer macht, zusammen mit bereits vorher schon bestehenden Gelenkproblemen, die sich jetzt noch verstärkt haben.

Muskelschwäche ist übrigens ein häufiges Longcovid-Symptom. Wobei hier abzuklären wäre, ob diese Verschlechterung bei mir organisch mit Longcovid zusammenhängt oder daran, dass ich körperlich weniger belastbar bin, schnell “aus der Puste” komme und deswegen zwangsläufig weniger Bewegung habe. Dieses “aus der Puste kommen” habe ich seit Covid-19 übrigens auch beim Sprechen längerer Sätze, bei denen ich öfter mal Luft holen muss.

Not so funny fact am Rande: Zyklusmäßig darf ich mich seit der Infektion zudem mit extremer PMS-Migräne herumschlagen, was absolut neu für mich ist. Die Art von Migräne, bei der man sich übergeben muss und Tabletten kaum helfen. Kannte ich vorher nicht (hab mir aber von meiner Ärztin versichern lassen, dass ich mir, weil zyklusbedingt, wegen von mir befürchteter Covid-Hirnthrombo keine Sorgen machen muss. Trotzdem seltsam).

Und als wäre das alles noch nicht genug, überkommt mich manchmal eine überfallartige Erschöpfung, ein Gefühl, das einen ohne Vorankündigung total ausknockt. Meistens am frühen Abend, manchmal aber auch tagsüber, völlig unabhängig von körperlicher Belastung. Ich könnte mich dann direkt hinlegen und schlafen, bis jetzt gelingt es mir aber meistens, mich aufzuraffen und weiterzumachen.

Dass der Geruchs- und Geschmacksverlust seit mehreren Wochen mal kommt und geht, ist da noch das Harmloseste.

Beginn einer Corona-Odyssee

Also auf ging es zur Ärzt*innenodyssee. Wie befürchtet ist Longcovid für Allgemeinmediziner*innen noch Neuland. Jedenfalls für meine. Ich habe echt eine Super-Ärztin, aber die Überweisung fürs Lungenröntgen habe ich trotzdem nur auf ausdrückliche Nachfrage bekommen, obwohl sie von der Atemnot jetzt und während der Akutphase weiß (nach dem positiven Test bei ihr und der hohen Virenkonzentration hatte sie sich nämlich bei mir gemeldet und mir ein Blutsauerstoffmessgerät zukommen lassen).

Was sie aber von sich aus vorgeschlagen hatte war, vom Kardiologen das Herz checken zu lassen, weil Schädigungen durch das Corona-Virus wohl manchmal für die Erschöpfungszustände verantwortlich sein können. Der Herz-Ultraschall zeigte zum Glück, dass in der Richtung alles ok ist, dafür offenbarte das Röntgenbild der Lunge Auffälligkeiten (ich bin übrigens lebenslang Nichtraucherin und hatte nie Lungenprobleme).

Diagnostiziert wurde ein Emphysem-Aspekt, eine krankhafte Lungenüberblähung. Als nächstes soll ein CT näher abklären, was das genau für mich für die Zukunft bedeutet und ob Covid-19 meine Lunge wirklich dauerhaft geschädigt hat. Wonach es wohl aussieht. Zumindest danach, dass ich mit den Symptomen noch eine Weile klarkommen muss. Hoffnung macht mir, dass die Impfung ersten Studien zufolge evtl. einige Longcovid-Symptome abschwächen soll. Gilt aber wohl nicht für die dauerhaften Schädigungen.

Ich hoffe, dass ich mit meinem Erfahrungsbericht Menschen dafür sensibilisieren kann, was es bedeutet, unter Longcovid zu leiden, und wie fatal es ist, Covid-19 nicht ernst zu nehmen. Dass Covid-19 alles andere als „nur eine Grippe“ ist, und dass die Parolen der Corona-Leugner und Co wie ein Schlag ins Gesicht für Betroffene wie mich und natürlich noch vielmehr für jene sind, die durch das Virus Angehörige verloren haben.

Meine Symptome sind für mich schon belastend genug, aber viele Patient*innen hat Longcovid noch weitaus schlimmer und bereits noch länger im Griff.

Dass schon viel zu viele Menschen an Covid-19 gestorben sind, ist natürlich das Tragischste an dieser Pandemie. Tragisch daran ist vor allem, dass man mit Maßnahmen, die statt Wachstum und Wirtschaft ganz bewusst Menschenleben im Blick haben, viele hätte retten können und viele Folgeerkrankungen hätte vermeiden können.

Tragisch zu guter Letzt auch, dass ein kurzer, aber dafür echter Lockdown (im finanziell solidarischen Sinne von #Zerocovid) für viele Kleinbetriebe, Gastronom*innen, Kunst- und Kulturschaffende, etc. weniger schädigend, und dafür hilfreicher für die Eindämmung des Virus gewesen wäre, als die beschlossenen halbherzigen, zermürbenden Maßnahmen in Dauerschleife.


Danke schön, Sabine!

Offener Umgang mit Longcovid notwendig

Ich danke Sabine für ihre offene und anschauliche Darstellung. Ich würde mich freuen, wenn dass das Thema Longcovid durch Erfahrungsberichte von echten Menschen etwas mehr an Gewicht gewinnt. Bisher war auch für mich “Longcovid” mehr ein eher abstrakter Begriff, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie das ist und ob das tatsächlich derart einschneidend ist. Aus diesem Grund habe ich den Gastartikel ungekürzt übernommen.

Du hast auch mit Longcovid zu kämpfen? Dann mach kein Geheimnis daraus. Schreibe einen Blogartikel, ein ausführliches Statement in deinem sozialen Netzwerk. Lass nicht ungehört, wie es dir geht! Die körperlichen sowie psychischen Folgen können massiv sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mitglied bei
DIE LINKE. Kreisverband Rheingau Taunus (Logo)